Stress gehört zum Führungsalltag. In über 21 Jahren Coaching mit mehr als 10'000 Menschen erlebt Birol Isik, dass wirksame Stressbewältigung bei Balance, Haltung und Struktur beginnt.
Worum geht es in diesem Video?
Dieses Video von Birol Isik ergänzt den Beitrag «Wie Führungskräfte den Stress am Arbeitsplatz wirksam reduzieren können» und vertieft das Thema in gesprochener Form.
Work-Life-Balance
Intensive Arbeitstage wirken auf das Privatleben. Planen Sie Zeit für Erholung, Familie und Hobbys. Siehe Balance.
Klare Abgrenzung
Definieren Sie Zeiten, in denen Sie nicht erreichbar sind. Das schützt Energie.
Methoden der Stressbewältigung
Dazu zählen Atempausen, Bewegung, bewusstes Wahrnehmen des Augenblicks und Prioritätensetzung. Siehe Achtsamkeit.
Was die Forschung zeigt
Sonnentag und Kollegen der Universität Konstanz untersuchten 166 Beschäftigte eine Woche lang: Wer abends nicht abschalten konnte, war am Morgen müder, Entspannung förderte Gelassenheit, Meisterschaftserlebnisse positive Aktivierung, und Schlafqualität hing mit allen Stimmungsmerkmalen zusammen (Sonnentag et al., 2008).
Stressprävention und Kommunikationskultur
Klare Kommunikation, realistische Ziele und Beteiligung senken Stress im Team. Siehe Kommunikation trainieren.
Mentale Stärke entwickeln
Wer Gedanken lenken und Erholung planen kann, bleibt handlungsfähig. Mehr auf der Seite Mentale Stärke.
Warum Stress in der Führung anders wirkt
Stress ist in jedem Beruf ein Thema, in der Führung aber wirkt er doppelt. Zum einen belastet er die Führungskraft selbst: Entscheidungen unter Unsicherheit, Konflikte im Team, hohe Erwartungen von oben und unten, dazu die ständige Erreichbarkeit. Zum anderen färbt die Stimmung der Führungskraft auf das Team ab. Wer gereizt, hektisch oder erschöpft ist, erzeugt im Umfeld Anspannung, ohne es zu wollen. Stressbewältigung ist deshalb nicht nur Selbstfürsorge, sondern eine Führungsaufgabe.
Birol Isik begleitet seit 2005 Führungskräfte, Unternehmer und Teams. In über 21 Jahren Coaching mit mehr als 10'000 Menschen hat er festgestellt, dass wirksamer Umgang mit Stress selten an einer einzelnen Technik hängt. Er beruht auf vier Bausteinen, die zusammenwirken: Balance und Erholung, mentale Stärke und Selbstführung, klare Kommunikation und eine Kultur, die Belastung früh sichtbar macht.
Was Stress im Körper und im Denken auslöst
Bei Belastung aktiviert der Körper ein Alarmsystem. Herzschlag und Atmung beschleunigen sich, Muskeln spannen sich an, die Aufmerksamkeit verengt sich auf das Bedrohliche. Kurzfristig ist das nützlich, es macht wach und handlungsbereit. Bleibt die Anspannung dauerhaft bestehen, leiden Schlaf, Konzentration, Stimmung und Urteilsvermögen. Führungskräfte merken das oft zuerst an Kleinigkeiten: Sie werden ungeduldiger, vergesslicher, zynischer oder ziehen sich zurück. Wer diese Frühzeichen kennt, kann früh gegensteuern, bevor aus Belastung Erschöpfung wird.
Wichtig ist die Bewertung. Alison Wood Brooks von der Harvard University zeigte, dass Menschen, die ihre Aufregung vor einer Aufgabe als Vorfreude deuten, sich aufgeregter fühlen und besser abschneiden als Menschen, die versuchen, sich zu beruhigen (Brooks, 2013). Nicht jede Anspannung ist also schädlich. Entscheidend ist, ob Sie sie als Bedrohung oder als Herausforderung deuten und ob Sie danach Erholung bekommen.
Baustein 1: Work-Life-Balance und Erholung
Eine gute Balance zwischen Arbeit und Privatleben ist die Grundlage jeder Stressbewältigung. Intensive Arbeitstage wirken auf das Privatleben, und ein belastetes Privatleben wirkt auf die Arbeit zurück. Planen Sie deshalb Zeit für Erholung, Familie, Freunde und Hobbys ein, und behandeln Sie diese Zeiten wie wichtige Termine.
Die Forschung zeigt, wie wichtig das Abschalten ist. Sabine Sonnentag und Kollegen der Universität Konstanz begleiteten 166 Beschäftigte der öffentlichen Verwaltung eine Arbeitswoche lang. Wer sich abends gedanklich nicht von der Arbeit lösen konnte, war am nächsten Morgen müder und aktivierte sich schlechter. Erfolgserlebnisse in der Freizeit, etwa beim Lernen oder Sport, sagten positive Aktivierung voraus, Entspannung sagte Gelassenheit voraus, und die Schlafqualität hing mit allen Stimmungsmerkmalen zusammen (Sonnentag et al., 2008). Übersetzt in den Führungsalltag heisst das: Wer abends konsequent abschaltet, führt am nächsten Tag besser.
Konkrete Erholungsgewohnheiten
- Feierabendritual: Ein fester Übergang, zum Beispiel ein Spaziergang oder ein kurzes Aufschreiben offener Punkte, trennt Arbeit und Freizeit.
- Bildschirmfreie Zeit: Mindestens eine Stunde vor dem Schlafen ohne E-Mails und Nachrichten.
- Bewegung: Wer regelmässig aerob trainiert, unterstützt sein Gehirn. Erickson und Kollegen von den Universitäten Pittsburgh und Illinois zeigten, dass aerobes Training bei älteren Erwachsenen den Hippocampus vergrösserte und das Gedächtnis verbesserte (Erickson et al., 2011).
- Natur: Eine Studie der Stanford University fand, dass ein 90-minütiger Naturspaziergang das Grübeln verringerte, ein Stadtspaziergang dagegen nicht (Bratman et al., 2015).
- Schlaf: Feste Zeiten und ein dunkles, ruhiges Zimmer sind die einfachste Stressprävention.
Vertiefend im Beitrag Balance.
Baustein 2: Klare Abgrenzung
Viele Führungskräfte sind rund um die Uhr erreichbar, weil sie seinen, das gehöre zur Rolle. Auf Dauer untergräbt es Leistung und Beziehungen. Klare Abgrenzung heisst nicht, unerreichbar zu sein, sondern bewusst festzulegen, wann Sie erreichbar sind und wann nicht. Definieren Sie Zeiten für Konzentrationsarbeit, für Gespräche und für Erholung, und kommunizieren Sie diese Regeln im Team. Legen Sie fest, was ein echter Notfall ist, und schaffen Sie Vertretungsregeln. Wer Grenzen setzt, signalisiert auch dem Team, dass Grenzen erlaubt sind.
Zur Abgrenzung gehört auch das Nein. Nicht jede Anfrage braucht eine sofortige Antwort, nicht jedes Meeting braucht Ihre Anwesenheit, nicht jedes Problem muss bei Ihnen landen. Delegieren ist ein Führungsinstrument, kein Zeichen von Schwäche. Eine Meta-Analyse von Allan Lee und Kollegen der Universitäten Exeter und Manchester mit 105 Stichproben untersuchte befähigende Führung, also das Abgeben von Verantwortung und das Fördern von Autonomie, und ihre Wirkung auf das Arbeitsverhalten (Lee et al., 2017).
Baustein 3: Methoden der Stressbewältigung
Es gibt viele Methoden, aber wenige, die im Führungsalltag praktikabel sind. Bewährt haben sich einfache Werkzeuge, die Sie in Minuten anwenden können.
Diesen Moment bewusst wahrnehmen
Stress entsteht häufig durch Gedanken an Vergangenes oder Zukünftiges. Wer lernt, die Aufmerksamkeit auf den gegenwärtigen Augenblick zu lenken, unterbricht das Gedankenkarussell. Eine einfache Übung: Halten Sie inne, atmen Sie dreimal langsam aus, spüren Sie Ihre Füsse auf dem Boden und benennen Sie innerlich drei Dinge, die Sie sehen. Das dauert 30 Sekunden und lässt sich vor Gesprächen, Präsentationen oder schwierigen Entscheidungen anwenden. Mehr dazu im Beitrag Achtsamkeit.
Atemtechnik
Atmen Sie vier Sekunden ein und sechs Sekunden aus, fünf Mal hintereinander. Das verlängerte Ausatmen signalisiert dem Körper Sicherheit und senkt die Anspannung. Die Technik ist unauffällig und überall einsetzbar.
Prioritäten setzen
Schreiben Sie am Morgen die drei wichtigsten Aufgaben des Tages auf und erledigen Sie diese zuerst. Alles andere ist Zugabe. Stress sinkt, wenn Sie das Gefühl haben, das Wesentliche zu schaffen. Klare Ziele helfen dabei: Gary Latham und Edwin Locke von der University of Maryland fassen zusammen, dass klare, herausfordernde Ziele Leistung steuern (Latham und Locke, 2007).
Bewegungspausen
Stehen Sie jede Stunde kurz auf, gehen Sie ein paar Schritte, strecken Sie sich. Körperliche Bewegung baut Stresshormone ab und verbessert die Konzentration.
Gespräche suchen
Soziale Unterstützung ist einer der wichtigsten Schutzfaktoren. Steven Southwick und Kollegen der Yale University betonen, dass Resilienz von individuellen Systemen abhängt, die in soziale Systeme eingebettet sind (Southwick et al., 2016). Suchen Sie sich ein Gegenüber, mit dem Sie offen über Belastung sprechen können, einen Mentor, einen Coach, eine Kollegin ausserhalb Ihres Teams. Wer allein trägt, trägt schwerer.
Baustein 4: Stressprävention und Kommunikationskultur im Unternehmen
Stress lässt sich nicht nur individuell bewältigen, sondern auch strukturell verringern. Viele Belastungen entstehen durch unklare Ziele, widersprüchliche Prioritäten, fehlende Information oder ständige Unterbrechungen. Führungskräfte können hier viel bewirken: Ziele eindeutig formulieren, Prioritäten festlegen, Meetings straffen, Entscheidungswege klären und Erwartungen offen besprechen. Je transparenter die Kommunikation, desto weniger Raum für Spekulation und Sorge.
Eine wichtige Rolle spielt psychologische Sicherheit, also die gemeinsame Überzeugung, dass es im Team sicher ist, Fehler, Zweifel und Belastung offen anzusprechen. Sehoon Kim und Kollegen der Business School Lausanne zeigten, dass sie die Teamleistung über Lernverhalten und Selbstwirksamkeit stützt (Kim et al., 2020). In einem solchen Klima werden Warnsignale früh erkannt, bevor aus Überlastung Krankheit wird. Mehr dazu im Beitrag Kommunikation trainieren.
Was eine stressarme Teamkultur ausmacht
- Regelmässige kurze Einzelgespräche, in denen auch Belastung Thema sein darf
- Offene Fehlerkultur: Fehler werden analysiert, nicht bestraft
- Realistische Planung mit Puffern statt Dauerauslastung
- Klare Zuständigkeiten und Vertretungsregeln
- Wertschätzung, die über Zahlen hinausgeht
Baustein 5: Stressbewältigung durch Balance und mentale Stärke
Mentale Stärke bedeutet nicht, keinen Stress zu spüren, sondern ihn zu lenken. Sie zeigt sich in der Fähigkeit, Gedanken zu beobachten, statt ihnen blind zu folgen, Prioritäten zu halten, auch wenn es hektisch wird, und nach Rückschlägen schnell wieder handlungsfähig zu sein. Sie beruht auf Selbstführung: Werte kennen, Gedanken ordnen, Gewohnheiten gestalten. Ann Masten von der University of Minnesota beschreibt Resilienz als Ergebnis des Zusammenspiels mehrerer Systeme und weist auf Zeitfenster grösserer Veränderbarkeit hin (Masten, 2019). Das bedeutet: Belastbarkeit ist keine feste Eigenschaft, sondern entwickelbar. Mehr dazu auf der Seite Mentale Stärke und im Resilienz-Coaching.
Eine Meta-Analyse zu Resilienzprogrammen am Arbeitsplatz (University of Nebraska-Lincoln, 42 Stichproben) fand eine kleine Gesamtwirkung, die mit der Zeit nachliess. Einzelformate wie Coaching waren am wirksamsten (Vanhove et al., 2015). Das spricht dafür, Resilienz nicht mit einem einzelnen Seminar abzuhaken, sondern fortlaufend zu trainieren.
Stressbewältigung in der Führung: Zusammenfassung
- Stress ist Teil der Führung, entscheidend ist der Umgang damit.
- Erholung und Abschalten sind Leistungsvoraussetzungen, keine Belohnung.
- Abgrenzung, Delegation und Prioritäten schützen Energie.
- Einfache Methoden wie Atempausen, Achtsamkeit und Bewegung helfen im Alltag.
- Offene Kommunikation und psychologische Sicherheit verhindern Überlastung im Team.
- Mentale Stärke und Selbstführung machen Belastung handhabbar.
Fragen und Antworten: Stressmanagement für Führungskräfte
Wie definiert man als Führungskraft Stressmanagement?
Stressmanagement ist der bewusste Umgang mit Belastung durch Balance, Methoden, Prävention und Kommunikation. Es umfasst sowohl die eigene Belastbarkeit als auch die Gestaltung von Rahmenbedingungen, die Stress im Team verringern.
Welche Techniken sollten Führungskräfte anwenden?
Bewährt haben sich Atempausen, Achtsamkeitsübungen, Bewegung, klare Prioritäten, Abgrenzung, Delegation, Gespräche mit Vertrauenspersonen und feste Erholungszeiten. Wichtig ist, wenige Methoden konsequent anzuwenden, statt viele sporadisch auszuprobieren.
Woran erkennen Sie, dass Sie zu viel Stress haben?
Typische Anzeichen sind anhaltende Müdigkeit, Reizbarkeit, Schlafprobleme, Konzentrationsschwierigkeiten, Rückzug und Zynismus. Bei körperlichen Beschwerden oder anhaltender Erschöpfung klären Sie bitte ärztlich ab.
Für wen dieser Beitrag gedacht ist
Dieser Beitrag richtet sich an Führungskräfte, Unternehmerinnen und Unternehmer sowie angehende Leader, die Verantwortung tragen und dabei gesund, klar und wirksam bleiben möchten. Die Kernthemen sind mentale Stärke, Resilienz, Selbstführung, Mindset und die Bereitschaft, Gewohnheiten zu verändern. Mit genau diesen Themen arbeitet Birol Isik in Coachings, Beratungen, Schulungen und Workshops, zum Beispiel im Führungskräfte-Coaching und im Selbstführung-Coaching.
Wie Birol Isik Sie begleitet
In Coachings und Workshops vor Ort begleitet Birol Isik Sie persönlich. Passende Angebote: Führungskräfte-Coaching, Resilienz-Coaching und Mental Coaching für Unternehmer. Im Standortgespräch klären Sie unverbindlich Ihr Anliegen.
Bei anhaltender Erschöpfung oder körperlichen Beschwerden klären Sie bitte ärztlich ab.
Fazit
Stressbewältigung ist eine Führungsaufgabe. Planen Sie Erholung wie einen Termin.
Quellen und Studien
Dieser Beitrag ruht auf zwei Fundamenten. Das erste ist die Praxis: Birol Isik begleitet seit 2005 Menschen und hat in über 21 Jahren mehr als 10’000 Menschen gecoacht, trainiert und beraten. Diese Erfahrung bildet die Grundlage seiner Coachings und Workshops vor Ort und ist in diesen Beitrag eingeflossen. Das zweite ist die Forschung: Die folgenden Studien von Universitäten und Hochschulen in der Schweiz, Deutschland, Österreich, Grossbritannien und den USA stützen die Aussagen und stimmen mit den Erfahrungen aus der Praxis überein. Die Quellen öffnen in einem neuen Fenster.




